SAS-Portrait: Bärbel Kranert, eine Mutter, die Andreapolis stützt

22. Juli 2009
Besprechung mit dem Orga-Team

Bärbel Kranert bespricht sich mit dem Organisationsteam Foto: Beger

Fäden spinnen, Spuren bahnen, Kontakte knüpfen und vermitteln, mit ins Boot nehmen, vorausdenken und nachhaken, Gespräche führen, selbst in die Hand nehmen oder in die richtigen Hände geben … Die sprachlichen Bilder, die sie für ihre Aufgaben findet, lassen die Tatkraft schon erahnen, mit der sich Bärbel Kranert in das Projekt ‚Schule als Staat’ einbringt. Über ihre vier Kinder ist sie mit dem Andreae-Gymnasium verbunden. Der Älteste hat es gerade mit Abitur verlassen,  der Jüngste mischt mit seinen 14 Jahren noch kräftig mit, so auch im Projekt, wenn er dann Crepes und Waffeln verkaufen wird, die beiden Mädels bringen sich im Warenlager, bei der Pressearbeit und beim Smoothies mixen ein.

Bärbel Kranert erzählt zuhause beim Cappuccino, wo sich seit Anfang 2008 schon viele Arbeitsgruppen und Initiativen getroffen haben und  -Schule als Staat- auf den Weg gebracht wurde.

Die Motivation für ihr Engagement entspringt nicht etwa dem Amt der Elternvertretung – diese Funktion hatte sie nach ihrem Dafürhalten lange  inne – sie meldete sich für die Teilnahme am Projekt zusammen mit Horst Ohmenzetter, weil sie gespannt war auf Schüler, die sich „jetzt einmal in anderen Rollen ausprobieren dürfen und Qualitäten zeigen, die während des normalen Schulalltags keiner sieht und die auch kein Lehrstoff sind“. Die Kommunikation zwischen den drei am Schulleben beteiligten Gruppen( Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern )und zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen, das ist für Bärbel Kranert Sinn, aber auch schwierigste Aufgabe des Projekts.

Sie brachte sich von Anfang an ins Plenum ein, eine Organisationsgruppe, die die Idee des gemeinsamen Staates nach und nach auf feste Grundlagen stellen konnte.

Das war nicht so einfach, mal waren bei den Besprechungen kaum Schüler, mal kaum Lehrer anwesend, es gab Personalwechsel in den Arbeitsgruppen und in zentralen Funktionen, Unklarheiten und Wirrwarr in den Kompetenzen. Doch, und hier spürt man Lob und Begeisterung bei Bärbel Kranert, „alle Beteiligten haben ständig dazugelernt, ihre Aufgaben perfektioniert und optimiert“. Die Organisation der komplexen Aufgabe, ein Staatswesen ins Leben zu rufen, wurde zunehmend straffer, auch effizienter. „Wie die Schüler dann noch schnell eine Stunde vor der Staatsausrufung auf dem Marktplatz die Enthüllung der Flagge organisiert, dann auch die selbstkomponierte Hymne vorgetragen haben – toll!“ Da macht’s ihr auch Spaß mitzuhelfen, und sie sucht dann auf die Schnelle Sicherheitsnadeln und Schnur für das Gelingen dieses Staatsakts.

Nach außen kaum sichtbar, griff Bärbel Kranert in verschiedenen Feldern ein. Sie informierte die Elternschaft, fragte über einen Eltern-Fragebogen deren Kompetenzen und Beteiligungsmöglichkeiten ab, wie das Bereitstellen von Kühlschränken, Fahrzeugen oder Know how. Eine Familie verleiht zum Beispiel Bauzäune und ein Vater holt die Mülltonnen in Böblingen ab. Andere Eltern helfen gerne auf Abruf, wobei die Schüler und Schülerinnen das Meiste doch selbst bewältigt haben, mit tatkräftiger Unterstützung einiger Lehrer/innen.

Nun erwähnt Bärbel Kranert die gute Zusammenarbeit mit der Stadt, auch eine Verbindung, die sie von Anfang an pflegte. Im Keller des Hauses der Familie Kranert wurden die von der Stadt gestellten Wahlurnen zwischengelagert. Neulich hat sie mit der Stadt kreative Lösungen für das Beschweren der Zeltstangen gefunden.

Fazit von Bärbel Kranert: Das wichtigste sei, dass die Kommunikation gesucht wird und man sie nicht abreißen lässt. „Es gibt immer Leute, die als Experten weiterhelfen können. Man muss die Hilfe auch annehmen“, resümiert sie , „ so spart man sich viel Kraft und Energie, die man  woanders einsetzen kann“.

Am Esstisch in ihrem Haus führte sie wiederholt Experten mit Schülern zusammen. Tipps zur Pressearbeit gab es von einem Werbefachmann, bei der Buchführung konnten zwei Mütter helfen und im Kreis der Finanzmanager fragte man sich: Wie viel Geld wird in welcher Stückelung gedruckt? Welcher Umtauschsatz soll gelten? Wie verhindert man eine Inflation? Auch ein Logistikfachmann ist unter den Eltern.

Die Parallelen von Projekt und bundesrepublikanischer Wirklichkeit drängen sich Bärbel Kranert auf, sie spricht wiederholt vom „Mikrokosmos der Gesellschaft“. Hier wie dort gebe es „Macher“, einen stillen, arbeitenden Mittelbau und „einen kleinen Teil in der Gesellschaft, der das Ganze nicht ernst nimmt, sich selbst ‚rausnimmt’ oder sogar alles torpediert“. Diese letzte Erfahrung hat das Andreae-Gymnasium schon früh gemacht, als die Wahl des Parlaments durch Fälschungsversuche gestört werden sollte. Damals schlüpfte Bärbel Kranert konsequent in die Rolle einer unabhängigen Wahlbeobachterin.

Auch im gesellschaftlichen Zusammenleben des entstehenden Andreapolis sieht Bärbel Kranert einen Mikrokosmos unserer Gesellschaft, etwa im geringen Anteil der nach außen präsenten Frauen oder im Anteil der Arbeitslosen. In Andreapolis sind etwa 10 Prozent der Lehrer und Schüler ohne Beschäftigungsverhältnis. Doch hier wird schon gegengesteuert, indem staatliche Beschäftigungsprogramme (am Spülmobil, als Zeitungsverkäufer, im Warenlager, in Umweltdiensten…) durchgesetzt werden. Bei erfolgreicher Vermittlung wäre für Kranert das wichtigste Ziel erreicht, nämlich das Mitmachen von allen am Schulleben Beteiligten. Wenn dann noch Lust, Freude und eine Portion Spaß am Ausprobieren dazukommt, zudem ein großer Zulauf an Besuchern … , schon wieder glänzen die Augen der rührigen Visionärin.

Länger überlegt sie schon, wenn sie sich den Worst Case vor Augen führen soll. „Für mich wäre es, wie gesagt, schlimm, wenn ein paar Schüler nicht wirklich mitziehen und stören“, auch passive Lehrer wären „ sehr schade“. Als zweites Szenario kommt ihr „Geldmangel“ in den Sinn. Doch „eigentlich dürfte das nicht passieren“, obwohl der Rücklauf aus dem Sponsoring in dieser Wirtschaftslage deutlich schlechter war als erhofft. Ihr ist wichtig, dass erwirtschafteter Gewinn in soziale Projekte fließt.

Schon jetzt sieht sie im Projekt ‚Schule als Staat’ große Lerneffekte für die Schüler: Zunächst Ausprobieren und die Geduld aufbringen, es noch einmal anders zu versuchen – Verlässlichkeit zeigen – Pünktlichkeit zusichern und einklagen – Verantwortung übernehmen – das Gespräch mit unterschiedlichen Personen suchen – Projektschritte planen – schnelle Entscheidungen treffen – delegieren. Diese Aufzählung sprudelt aus Bärbel Kranert ohne Nachdenken heraus.

Damit man auch in Zukunft von den Erfahrungen des Projektmanagements profitiert und auch das bunte andreapolitanische Treiben nacherlebt werden kann, ja deshalb sucht sie schon wieder die Leute, Material und Gerätschaften für eine Dokumentationsgruppe. Willkommen im Netzwerkhaus von Bärbel Kranert!

Isolde Wahl

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Vorberichterstattung

15. Juli 2009

Um die Vorberichterstattung zu Andreapolis anzusehen, folgen Sie bitte diesem Link auf die Seite unseres Partners, des Gäuboten.

Dort finden Sie auch viele Bilder von unserer Staatsausrufung am 6. Juli 2009.